Sportbegeisterung bei Kindern und die Reaktion ihrer Eltern

Bleibende Eindrücke aus der Kindheit

Ich habe drei Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, warum bei mir immer wieder eine Bewegungsangst unbewusst und doch spürbar mitschwingt. Diese Gedanken beschäftient mich schon sehr lange. Heute bei einem kurzen Gespräch mit meiner Mutter wurde es mir plötzlich klar.

Unterschiedliche Wertung der sportlichen Aktionen

Ich war ab der ersten Schulklasse eine der besten Leichtathletik-Sportlerinnen meiner Grundschule. Aufgrund meiner hervorragenden Leistungen wurde ich auf Wettbewerbe der Darmstädter Grundschulen geschickt und belegte vor allem im Ballweitwurf den ersten Platz. Meine Lehrer berichteten meinen Eltern von meinem Talent und baten darum, mich intensiver trainieren zu dürfen. Meine Eltern lehnten kategorisch ab, weil sie bisher nur schlechtes vom Leistungssport gehört hatten. Wenn ich von meinen Lehrern gefragt wurde, sagte ich das, was meine Eltern sagten. Insgeheim fühlte ich mich geschmeichelt und hätte es schon gerne zumindest mal ausprobiert.

Heute kann ich meinen Eltern diese Ablehnung fast nicht verübeln. Wohl aber, dass sie nicht ein einziges Mal bei einem Wettkampf dabei waren und sich das Talent vorort angesehen haben. Ich habe immer „nur“ die Urkunden mit nachhause gebracht, die dann stolz durch die Nachbarschaft gezeigt wurden.

Zurück zu dem Gespräch von heute. Ich fragte meine Mutter kurzerhand, warum keiner von beiden auch nur einmal dabei gewesen sei. Ihre Antwort: „Ach, Sport ist doch nur für nebenbei!“ Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und ich  begriff endlich, warum immer auf dem Abstellgleis lief. Für mich war das Sportmachen ein fester Bestandteil meines Lebens: Draußen an der frischen Luft rennen, werfen, springen, klettern! Jeden Tag! Was für mich ein Lebensexilier war, war und ist für meine Eltern eine von vielen Nebensachen.

Eine weitere Tatsache prägte mich zutiefst. Ein Satz, den ich quasi bis vor kurzem tief in mir immer noch hörte. Es ist der Ausruf meines Vaters: „Oh, das ist aber gefährlich!“ Er sagte dies, wenn ich über eine Bank sprang, auf einen Baum oder Mauer kletterte und immer dann, wenn ich etwas machte, das er selbst nicht konnte. Auch wenn ich es oft ignorierte, dieser Unterton des Unterlassens schwang immer wieder mit.

Als ich mir vor einigen Jahren das vordere Kreuzband im linken Knie beim Sport riss, sagten meine Eltern: „Das wussten wir ja schon vorher, dass das gefährlich ist! Das hättest du ja wirklich vermeiden können!“ Und zack, alle unbewussten Gedanken aus der Kindheit wurden auf einmal schmerzhafte Realität.

Ein paar Jahre später, knickte ich bei einer Laufveranstaltung bösartig mit meinem Fuß um und wurde für zwei Wochen krank geschrieben. Meine damalige Chefin in der Physiotherapiepraxis sagte mir: „Jetzt ist es aber echt mal Zeit, dass du keine Kinderspielchen beim Sport machst! Das hätte ja wirklich nicht sein müssen!“ und zack, waren auch hier alle unbewussten, verinnerlichten Glaubenssätze angeknippst.

Verletzungen gehören im Sport dazu, auch wenn ich eine Verfechterin der Prävention mit voller Bandbreite bin. Dennoch: Wer Angst hat, sich zu bewegen, weil er glaubt, es sei gesundheitsgefährdend, ist quasi schon verletzt!

Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um diese Zusammenhänge zu kapieren und mich frei zu machen von dem Glauben, Bewegung und Sport könnten mich ernsthaft gefährden.

Vernünftige Förderung von Talent

Ich möchte an alle, die diesen Beitrag lesen, appellieren: Wenn Kinder Spaß an Bewegung und Sport haben, verderbt ihnen diesen nicht durch angstmachende Aussagen. Beobachtet und fördert den Bewegungsdrang von Kindern auf vernünftige Art und Weise. Aber vor allem: Zeigt Interesse!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.